Monatsarchiv: März 2009

„Yes Men“ in Koblenz

Nachrichten von morgen: Attac bringt gefälschte „Die Zeit“ in Umlauf.

Aktive verteilen 150.000 Plagiate in mehr in als 90 Städten

Aktivistinnen und Aktivisten des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac haben am heutigen Samstag in Koblenz Stadt eine gefakte Ausgabe der bekannten Wochen- zeitung „Die Zeit“ verteilt. Der Clou: Statt der Meldungen von gestern verkündet das täuschend echt gestaltete Plagiat die Nachrichten der Zukunft. „Am Ende des Tunnels“ lautet die Schlagzeile auf dem Titelblatt, als Erscheinungs- datum ist der 1. Mai 2010 angeben. „Die Berichte über die globale Wirtschafts-, Finanz- Hunger- und Klimakrise lassen viele Menschen hilflos zurück.

 

Wir haben deshalb die Zeit weitergedreht und die Nachrichten verfasst, die wir morgen lesen wollen – nicht über ein fernes Paradies, sondern über konkrete Verbesserungen, die denkbar und erstreitbar sind“, sagte die Attac-Aktivistin und „Die Zeit“ Redakteurin Jutta Sunder- mann. „Auf diese Weise wollen wir die Vorstellungs kraft der Leserinnen und Leser erweitern und ihnen Mut machen, sich politisch zu engagieren.“

500 Exemplare der gefälschten „Die Zeit“ brachten die Attac-Aktivisten in Koblenz unter die Leute.
Fast alle Passanten nahmen das als „kostenlose Sonderausgabe“ angepriesene Blatt gern entgegen. „Es hat Spaß gemacht zu sehen, wie viele Empfänger erst mal oberfläch lich rumgeblättert haben, bis sie dann nach einer Weile stutzten und interessiert weiterlasen“, erzählte Bettina Lau von attac-Koblenz.

Bundesweit verteilte Attac rund 150.000 Plagiate in mehr als 90 Städten. Als Autoren der Zukunfts- ausgabe der „Die Zeit“ konnte Attac neben eigenen Aktiven auch mehrere prominente Schreiber gewinnen. So berichtet der Journalist und Buchautor Harald Schumann. („Der globale Countdown“) unter der Über- schrift „Zeit der Abrechnung“ von einem G20- Treffen in Brasilia, bei dem sich die Industrie- und Schwellen- länder auf eine weitreichende Besteuerung großer Privatver- mögen und inter nationaler Konzerne geeinigt haben.

Lucas Zeise, prominenter Wirtschaftsjournalist, beschreibt in „Ende einer Ära“ die Veränderung der deutschen Bankenlandschaft nach dem Untergang zahlreicher Privatinstitute.
Der Kabarettist Matthias Deutschmann konstatiert das Ende des Kasinokapitalismus („Nicht die unsichtbare Hand des Marktes hat die Krise beendet.

Wir waren es! We, the people!“) und gesteht: „Es gibt Momente, da kommen dem professionellen Zyniker die Tränen“. Und die Autorin Daniela Dahn schreibt über die neue internationale Fernseh- station Social TV, die es sozialen Bewegungen weltweit ermöglicht, ihre eigenen Themen ins Fernsehen zu bringen. Weitere Artikel haben das Ende der NATO zum Thema, berichten von Schuldenerlassen für arme Länder, einer dezentralen Konferenz der Weltgesellschaft gegen Hunger und den positiven Auswirkungen der Bildungsproteste.
Die letzte Seite blickt zurück auf die Demonstrationen am 28. März 2009 in Berlin und Frankfurt am Main: Die Proteste unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise“ markierten bundesweit den Aufbruch der Zivilgesellschaft.

„Die Zeit“- Redakteur Fabian Scheidler: „Kurzum: In unserer Ausgabe der „Die Zeit“ zeichnen wir das Bild einer Welt, wie sie denkbar wäre, wenn die Vorschläge der globalisierungskritischen Bewegung umgesetzt werden würden.“ Inspirieren ließen sich die Blattmacher von Attac von der US-amerikanischen Gruppe
Yes-Men, die im vergangenen Jahr eine Zukunftsausgabe der New York Times veröffent- lichte.